Zugegebenermaßen war es meine erste Vielseitigkeit, denn Keks ist in jungen Jahren tatsächlich schon mal im Busch gewesen. Aber das ist sehr lange her und zwischenzeitlich gab es, was das Springen betrifft, viele Baustellen, zahlreiche unschöne Momente und mitunter gefährliche Situationen. Ganz langsam habe ich Keks wieder an das Springen herangeführt, Vertrauen aufgebaut und nicht zu Letzt selber viel lernen müssen, denn meine Springkenntnisse gingen Richtung null. Hätte mir, noch im vergangenen Jahr, als Keks steigend vor einem Wassergraben stand, jemand erzählt, dass wir knapp ein Jahr später eine Vielseitigkeit reiten, dann hätte ich demjenigen einen Vogel gezeigt und schallend gelacht. Ich im Gelände? Keks im Busch? Nie im Leben!

(c) Joelle Lenz

Wir reiten eine Geländeprüfung – ach ne, lieber doch nicht

Und da war es wieder: Sag niemals nie und schon gar nicht im Reitsport! Zwangsläufig mussten wir in den Busch. Ich wollte den Trainer C machen und da kam ich um die Geländestrecke nicht herum. Ich hätte ein Schulpferd nehmen können, welches die Geländehindernisse sicher springt, aber mein Ehrgeiz war geweckt und ich gab Keks und mir eine Chance. So ging es das Jahr über vermehrt auf die Geländestrecke und ich muss sagen, ich hatte anfangs sehr großen Respekt, ja teils sogar Schiss vor den, aus meiner Sicht, riiiiesigen Baumstämmen. Mit jedem Sprung wuchs mein Selbstvertrauen und Keks blühte richtig auf. Wir trauten uns an Bergabsprünge heran, nahmen Schweinerücken und Dächer in Angriff. Es lief!

Hochmotiviert nannte ich im Mai eine Geländeprüfung der Klasse E. In der Woche davor, war ich nervlich am Ende, träumte nur noch von unüberwindbaren Geländehindernissen und hatte, auf gut deutsch gesagt, die Hosen mächtig voll. Ich entschied, nicht zu fahren. Wir waren noch nicht so weit. Oder, wahrscheinlich besser gesagt, ich war noch nicht so weit. Nichtsdestotrotz, blieb es mein Ziel, eine Geländeprüfung zu reiten. Wir übten fleißig weiter, es lief gut und ich meldete eine komplette Vielseitigkeit für den September. Unsere Generalprobe fand im August beim Trainerlehrgang statt. Die Strecke war neu, unbekannt und somit eine Herausforderung. Wir bestanden unsere Generalprobe!

Zwei silberne Schleifchen und zwei Möhrensäcke

Am Abend vorher, rief ich in der Meldestelle an und erneut rutschte mir das Herz in die Hose. Was habe ich bloß getan? Die Nacht war kurz. Ich fand kaum Schlaf und meine Nervosität wurde immer größer. Beim Einflechten zitterten mir dermaßen die Finger, dass ich daran zweifelte, dass unsere Zöpfchen den Tag überleben würden. Am Turnierplatz angekommen, machten wir erst einmal eine Rundtour. Dressurplatz, Springplatz, Gelände – lieber nicht hingucken. Es ging los mit der Dressur und als ich im Sattel saß, wurde ich endlich ruhiger. Das Pferd funktionierte wie immer und ich hatte das Reiten über Nacht nicht verlernt, was für eine Erkenntnis. Äh ja. Die Dressur lief wie am Schnürchen und mit einer 7,5 landeten wir auf dem 2. Platz.

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Siegerehrung Dressur

Ein silbernes Schleichen und einen Möhrensack später, verfiel ich erneut in Panik. Um 10 Uhr ging das Springen los. Ich war als 19. Starterin dran, musste noch umsatteln und Stollen reindrehen, da die Prüfung auf einem Grasplatz stattfand, der feucht war. Ein Blick auf die Uhr: 9:58 Uhr. Hilfe! Im Stechschritt zurück zum Hänger. Dressursattel runter, Springsattel drauf, Stollen rein und welch Glück, dass die Stollenlöcher schon etwas ausgelutscht waren und ich die Dinger in gerade mal 10 Minuten drin hatte. Zurück zum Springplatz. Bisschen Trab, Galopp, Übergänge und ich startete direkt mit dem Abspringen. Linke Hand, rechte Hand, Oxer und Steil. Fertig. Mit hochrotem Kopf warf ich einen fragenden Blick zu Björn: Bin ich noch in Time? Er ermahnte mich erst einmal zur Entspannung. Ja, recht hat er! Aber ganz ehrlich? Es war stressig! Dann waren wir dran. Keks war mit gutem Grundtempo unterwegs, landete kein einziges Mal falsch, zur Freude meinerseits, da dies ja unsere große Baustelle ist und ich dachte sogar daran, auf langen Wegen den leichten Sitz zu zeigen. Es fühlte sich gut an und ich war zufrieden. Dann kam meine Wertnote. 7,8. Ernsthaft!? Ich fiel fast vom Pferd. Sieben komma Acht! Wir? Ich? Keks? Uff. Die mit Abstand höchste Wertnote, die ich jemals in einem Stilspringen bekommen habe und am Ende ein weiterer 2. Platz für uns. Und zur Freude von Keks, gab es einen weiteren Möhrensack. Yeah, die Woche ist gerettet!

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(c) Joelle Lenz

Eines war klar: DAS hatten wir nicht geübt

Nach Dressur und Springen rangierten wir übrigens auf Platz 1 in der Gesamtwertung. Auch wenn mir mehr als bewusst war, dass ich dieses Ergebnis nicht halten würde, schon alleine, weil das Gelände doppelt zählt, war es irgendwie ein ziemlich cooles Gefühl. Nach dem Springen kehrte kurz Ruhe ein. Keks stand im Hänger und wir machten uns auf den Weg zur Geländestrecke. Mit dem Geländeplan bewaffnet suchten wir Hindernis Nummer 1 und auf dem Weg dorthin, erklärte ich Björn noch, dass der erste meist niedrig ist, so ein Baumstamm halt. Ja, es war ein Baumstamm. Nein, er war nicht niedrig. Weiter ging es zu Sprung zwei, der einem Steilsprung glich, nur eben zu und komplett fest. Sprung drei, eine Hecke, lag in einer leichten Kurve und mein Puls war mittlerweile bei 180 angekommen. Ich hatte arge Zweifel, dass wir hier überhaupt ankommen würden. Es folgten viele weitere Sprünge, Bergauf, Bergab (in vielseitigerisch: ein Billard) und das Wasser. Die letzten zwei Sprünge hatten es nochmal richtig in sich. Hoch und weit. Vor allem der vorletzte stand recht frei und war mit Futtersäcken dekoriert. Na toll, wo Keks ja schon ganz gerne bei Planken und Gattern im normalen Springparcour glotzt.

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Sprung 1 – der kleine Baumstamm

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Bergab Sprung

Nach dem letzten Hindernis war mir endgültig klar, dass wir zwar geübt hatten, aber so etwas nicht. Immer mal wieder sind wir höhere Sprünge gesprungen, aber nicht 11. Elf Sprünge, die bei mir Herzrasen auslösten. Ich fragte mich wirklich, ob das purer Leichtsinn ist, was ich hier vorhabe. Ich hatte so viel und lange daran gearbeitet, Keks als Freund und Partner zu gewinnen. Er vertraut mir und ich vertraue ihm. Ich hatte Angst alles mit nur einem einzigen Ritt kaputt zu machen. Ich hatte Angst, dass ich ihn überfordere. Ich hatte Angst, dass er vielleicht doch nicht das Potenzial hat, irgendwo hängen bleibt und sich verletzt. Ich habe nur dieses eine Pferd!

Vor dem Abgehen der Geländestrecke hatte ich zu Björn gesagt, er soll seine realistische Einschätzung abgeben, ob wir das können oder nicht und mir schlimmstenfalls einen kleinen Anstoß geben. Nach dem Abgehen schwieg Björn und ich fragte auch gar nicht nach. Es war klar, dass wir so etwas noch nie geritten sind und es bedurfte keiner weiteren Ausführung. Puh. Was sollte ich nun machen? Keks im Hänger lassen und einfach heimfahren? Oder mich der Herausforderung stellen? Ich entschied mich für einen Mittelweg. Ich wollte an den Start gehen, losreiten, aber mir die Freiheit lassen, jederzeit abzubrechen, wenn ich merke, dass es nicht läuft.

Wir stellen uns der Herausforderung

Also gingen wir zurück zum Hänger und machten Keks fertig. Kurz vor der Prüfung hatte der Veranstalter die Möglichkeit gegeben, dass man samt Pferd die Strecke anschauen konnte. Natürlich durfte man nichts springen und auch nur Schritt gehen, aber es war beispielsweise erlaubt durch das Wasser zu reiten. Das nutzte ich natürlich. Keks war auf der Strecke absolut gelassen und gab mir meine Sicherheit zurück. Ich ließ ihn erst ein paar Sprünge anschauen und ritt dann zum Wasser. Er stockte. Blieb stehen. Wich rückwärts. Es war eine kleine Kante über die man ins Wasser reinspringen musste. So etwas hatten wir nie gemacht und das war jetzt ein Problem. Ich machte Druck und ritt entschieden vorwärts. Keks reagierte sofort. Nur leider nach oben. Eine andere Reiterin war dann so nett und ritt vor. Keks ging prompt hinterher und danach auch allein. Mir fiel ein Stein vom Herzen und auch, wenn sie es wahrscheinlich nie lesen wird, vielen Dank an die liebe Reiterin!

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Wasser mit kleinem Einsprung

Pünktlich zum Start der Geländeprüfung fing es an zu regnen. Eine nasse Wiese. Na, das hatte mir noch gefehlt. Ich hätte mir echt besseres Wetter für meinen ersten Buschritt gewünscht. Irgendwann stand ich am Start. Schnappatmung. Ich entschied mich ganz bewusst nicht mit Vollgas loszureiten, sondern in einem für uns guten Tempo, was bekanntlich nicht sehr schnell ist. Keks ist keine Rennsemmel. Da kam er nun also: Sprung 1. Innerlich dachte ich: Spring, Spring, Spring! Er sprang. Es folgte Sprung 2 und dann kam die Hecke. Aus irgendwelchen Gründen hatte ich vor dieser Hecke einen Heidenrespekt, obwohl auf der Strecke viel schlimmere Sprünge standen. Ich presste die Schenkel ans Pferd und zack, waren wir auf der anderen Seite. Mein Gefühl war gut und ab hier war mir klar, dass wir bis ins Ziel kommen könnten. Das wir es schaffen könnten! Ich ritt in meinem Tempo weiter. Ja, es war zu langsam für den Busch, aber das war mir egal. Wir haben so etwas noch nie gemacht, die Wiese war komplett nass und ich hatte nur ein Ziel. Durchkommen. Egal in welcher Zeit, egal mit welcher Wertnote.

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Sprung 3 – die gefürchtete Hecke

Am Wasser stockte Keks erneut. Ich gab einen energischen Schenkeldruck und legte kurz die Gerte am Hals an. Das reichte und Keks sprang mit einem Riesensatz in das Wasser und auf der anderen Seite wieder heraus. Yes! Noch drei Sprünge. Der nach dem Wasser war nicht so schlimm, aber dann kamen die beiden letzten. Auf dem Weg zum vorletzten sah Keks schon aus der Ferne die gelben Futtersäcke schimmern. Ich nuschelte im Takt der Schnappatmung: „Komm Keks! Wir sind so weit gekommen. Die zwei letzten schaffen wir jetzt auch noch.“ Der vorletzte, hopp und im Bogen ging es auf den letzten, wenn nicht mächtigsten Sprung von der gesamten Strecke. Ich hielt die Luft an – hopp – und fiel kurz darauf meinem Pferd um den Hals. Wir hatten es geschafft! Wir! Keks und ich!

Vor lauter Freude habe ich meine Grundnote nicht mitbekommen. Aber eigentlich spielt das auch gar keine Rolle. Wir sind durchgekommen! Durch mein eher moderates Tempo, gab es viele Zeitfehler für uns, aber auch das ist mir mehr als egal. In der Gesamtwertung landeten wir somit auf Platz 18, aber ich bin überglücklich und verdammt stolz. Stolz auf das, was wir zusammen erreicht haben und dass wir es überhaupt gewagt haben in den Busch zu gehen. Zurück am Hänger konnte ich nicht mehr. Mir liefen die Tränen runter. Freudentränen.

(c) Manfred Grebler

Der letzte Sprung – (c) Manfred Grebler

Geschafft! – (c) Joelle Lenz


Danke an Pferdefotografie Manfred Grebler und Hanel & Lenz Photography für die wunderschönen Bilder und die damit bleibende Erinnerung!


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