Wenn das eigene Pferd, und meist auch der beste Freund, plötzlich und unerwartet stirbt, dann hat man eigentlich nicht die Möglichkeit Abschied zu nehmen. Trotzdem muss man das Geschehe irgendwie verarbeiten und dennoch versuchen Abschied zu nehmen. Im heutigen Gastbeitrag berichtet uns eine Reiterin, wie sie den plötzlichen Tod ihres Pferdes verarbeitet hat.
Jeder Reiter stimmt mir wohl zu, wenn ich nun schreibe, dass Pferde unglaublich sind.
Für die meisten ist es nicht bloß ein Hobby, sondern die Leidenschaft, die einen antreibt. Sie sind nicht nur unsere Sportpartner, wie die meisten denken, sondern Freunde, Seelenklempner, Ausgleich und vieles mehr. Sie gehören zu uns und unserer Familie. Wer erst einmal eine feste Bindung zu seinem Pferd hat, hat das Glück seine Seele zu sehen. Sie spiegeln uns wieder. Sie machen uns im Endeffekt zu anderen Menschen. Zu besseren Menschen.
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Umso schlimmer ist es, wenn unser geliebter Partner von uns geht.
Jeder Reiter sagt: „ Wenn mein Pferd sterben würde, würde ich kein neues wollen!“. Jedoch war diese Person wahrscheinlich nie in dieser Lage und urteilt womöglich über Leute, die sich nach dem Tod ein neues Pferd suchen. Natürlich ist es jedem selbst überlassen, jedoch kann ich nur sagen, dass wenn ich mir kein neues Pferd gesucht hätte, würde ich jetzt nicht so glücklich sein können, hätte aufgehört zu reiten und hätte dies irgendwann bereut.
Ich war keine richtige Reiterin. Paraden und Gewichtshilfen waren ein Fremdwort für mich. Immer wieder fing ich mit dem Reiten an, besuchte mit meiner Freundin Reiterhöfe und hatte meinen Spaß. Jedoch hörte ich auch genauso schnell wieder auf.
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ER kam in mein Leben
Bis ER, durch einen Zufall, meine Reitbeteiligung wurde. ER, vier, angeritten und ein halbes Jahr stehen gelassen. Ich 14, fast 15, ein Nichtskönner. Trotzdem hat es sofort gefunkt. Alles habe ich bei ihm ausprobiert. Den ersten Mähnenschnitt, den ersten Stoppelfeldritt, oder das erste Mal, ohne Trense, nur mit Halfter reiten. All diese Sachen waren kein Problem! ER hat mich machen lassen, als hätte ER leise geschmunzelt und auf mich aufgepasst.
Leider hörte dieser Spaß nach nur einem Jahr schon wieder für mich auf, denn durch Unstimmigkeiten mit dem Besitzer, habe ich IHN als Reitbeteiligung aufgegeben. Es war ein schwerer Schritt, aber damals fand ich ihn notwendig.
Meine Mutter ergriff diese Situation und wir kauften mir eine kleine Trabersute, die sich bis heute in meinem Besitz befindet. Sie war genau das Richtige für mich. Sie war zwar auch erst vier Jahre alt und hatte schlechte Erfahrungen gemacht, aber sie war und ist ein tolles Pferd. Ich brauchte kein Turnierpferd, ich wollte einen Kumpel zum betüdeln, zwischendurch mal Ausreiten und ein bisschen arbeiten.
Trotzdem besuchte ich IHN immer wieder heimlich, mindestens einmal im Monat. Bis ich irgendwann hörte, dass ER verkauft werden soll, da der Besitzer keine neue Reitbeteiligung mehr gefunden hat und er selbst nicht genug Zeit hatte.
Jetzt gehört ER mir
Dann ging es los, ich wollte IHN unbedingt haben, ich habe gebettelt und gebettelt. Nächte lang geweint und gehofft, dass ER bald mir gehört. Dann, einen Monat vor meinen 16. Geburtstag unterschrieben wir den Kaufvertrag. Selbst als wir IHN auf den Hänger führten und IHN in sein neues Heim fuhren, konnte ich es nicht fassen. ER verstand sich super mit meiner kleinen Stute und wir zogen nach zwei Monaten in einen anderen Stall, weil wir dort bessere Reitmöglichkeiten hatten, denn ER war nicht nur ein Freizeitpferd. Er wollte gefordert werden, sonst wurde ER ungnädig.
So begann eine neue, schwierige Zeit für mich. Ich nahm zwei Mal die Woche Unterricht und im nächsten Jahr machte ich meine Abzeichen mit IHM. Im Frühjahr das Kleine, da habe ich für das E-Springen, von dem Vater meines Freundes, ein Pferd zur Verfügung gestellt bekommen, da wir vorher noch nicht gesprungen sind. Zum Ende des Jahres machten wir unser großes Abzeichen. Dort absolvierte ich beide Prüfungen mit IHM. Wir lernten schnell zusammen und in demselben Jahr habe ich seine Besitzerurkunde zu meinem 18 Geburtstag bekommen. ER gehörte nun voll und ganz mir.
Das Jahr darauf war unsere erste Turniersaison wo wir nur A- Dressuren und A-Springen gegangen sind. Wir hatten viel Spaß gemeinsam und hatten auch unsere kleinen Erfolge. An unserem letzten Turnier machten wir den ersten Platz in der Dressur. Alles endete für uns wie in einem Märchen. Wir sind neun Turniere gegangen und waren 6-mal platziert. Das Wichtigste war für mich zu sehen, wie ER für mich gekämpft hat. ER hat alles mitgemacht, selbst beim Ringreiten war die Blaskapelle kein Problem. ER vertraute mir voll und ganz.
Nach dem letzten Turnier ließ ich IHN bei seinen Kumpels auf der Weide, gönnte IHM eine Pause. Wir haben zwar den Sommer nicht großartig viel gemacht, aber reichlich Erfahrungen gesammelt. Aus diesem Grund ritt ich IHN nur mal zwischendurch um IHN fit zu halten.
Als ER von mir ging
Zehn Tage später, einen Tag vor meinem 19. Geburtstag, bekam ich auf dem Weg zur Schule einen Anruf von meiner Stallkollegin, ich soll sofort zur Weide kommen: mein Pferd ist tot.
Von der Autofahrt weiß ich leider nichts mehr. Ich erinnere mich nur noch daran, dass mein Vater, der Stallbesitzer und meine Stallkollegin an der Weide standen und ER tot vor dem Gatter lag. Es sah aus als würde er schlafen. Ich legte mich zu ihm. Er war ganz kalt. Nach einer kurzen Zeit, legte ich meinen Kopf an seinen, küsste ihn auf seine Blesse und sagte zum Abschied „Tschüß mein Großer“. Dann streichelte ich ihn ein letztes Mal und fuhr weg. Mein Stallbesitzer kümmerte sich um den Rest. Man sagte mir nur, dass er keine Schmerzen bei seinem Tod hatte, seine Aorta sei durchgerissen.
Meinen 19. Geburtstag werde ich nie vergessen. Ich kann aber dankbar sein, dass meine Familie und all meine Freunde für mich da waren und ich meine kleine Traberstute habe.
Was mich aber jetzt am meisten freut, ist, dass ich im selben Jahr, im November, ein zwei jähriges Pferd, von dem Vater meines Freundes, zur Verfügung gestellt bekommen habe. Ihn sah ich zwei Jahre zuvor als Fohlen und sagt zu meiner Mutter, dass er mich an mein eigenes Pferd erinnert und ich lag nicht falsch. Es ist als sei er nie von mir gegangen. Nur das ich diesmal aufpasse und leise schmunzeln muss! Ich werde IHN nie vergessen!
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