Mein Herz schlägt für den Reitsport. Jeden Tag bin ich bemüht das Beste für meine Pferde und die Pensionspferde in meinem Stall zu geben. Sie artgerecht zu halten, mit gutem Futter zu versorgen und sie gesund zu trainieren. Das klingt vielleicht etwas abgehoben, aber wäre ich ein Pferd, dann würde ich gerne bei mir wohnen.

Darüber hinaus gebe ich täglich mein Wissen an meine erwachsenen Reitschüler und viele Reitkinder weiter. Insbesondere den Kindern vermittle ich den gerechten Umgang mit dem Pferd, richtige und vor allem faire Reiterei, denn diese Kids sind unsere zukünftigen Reiter.

Meine Überzeugungen und was die Skandale im Reitsport damit machen

Aus meiner Philosophie der systematischen und abwechslungsreichen Reitausbildung ist DAS Reitlernsystem hervorgegangen. Das mag für viele so logisch und selbstverständlich klingen, ist es aber nicht. Nach wie vor gibt es viel zu viele Pferde die sehr einseitig bewegt werden.

Des Weiteren bin ich der Überzeugung, dass artgerechte Pferdehaltung und Sport vereinbar sind. Bei einer artgerechten Pferdehaltung bekommt das Pferd täglich mehrere Stunden Auslauf und hat Kontakt zu Artgenossen – und zwar nicht nur durch die Boxenstäbe oder über den Paddockzaun. In den letzten Jahren hat sich hier schon einiges getan. Trotzdem ist die Boxenhaltung nach wie vor die am meisten verbreitete Haltungsform.

Im vergangenen Jahr gab es bereits den Olympia Skandal um Annika Schleu. Tierquälerei im Reitsport! Wir Reiter wissen, dass der moderne Fünfkampf reichlich wenig mit Reiten zu tun. All die Menschen da draußen wissen das aber nicht. Nun kommt jüngst der Skandal aus dem Stall von Ludger Beerbaum hinzu. Ein Reiter, den so ziemlich jeder kennt. Der eine Vorbildfunktion haben sollte.

Jeder Skandal macht mich traurig, denn es wirft ein schlechtes Bild auf uns Reiter. Unseren Sport. Unser Hobby. Unsere Leidenschaft. Unsere Passion. Plötzlich stehen Reiter in der Öffentlichkeit und die Kritik wird groß.

Es wird mit dem Finger auf uns gezeigt. Tierquäler.

Richtig benutzt sind Hilfsmittel zur Unterstützung da – Barren und Touchieren gehören nicht dazu

Im Reitsport stehen uns diverse Hilfsmittel wie Gerte, Peitsche, Hilfszügel oder Sporen zur Verfügung. Richtig verwendet spricht nichts gegen diese Hilfsmittel. Ein Ausbinder ist nicht böse, wenn er korrekt verschnallt wurde und dem Reitanfänger hilft eine ruhige Zügelführung zu erlernen. Besser ein korrekt verschnallter Hilfszügel als wenn das Pferd die gesamte Reitstunde mit weggedrücktem Rücken läuft. Natürlich ist es das Ziel, dass der Reitanfänger irgendwann ohne Hilfszügel reiten kann. Der Hilfszügel ist nicht dafür gedacht, ein Pferd, welches muskulär noch gar nicht so weit ist, in eine bestimmte Form zu pressen.

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Ähnlich verhält es sich mit Sporen, Peitsche und Gerte. Im richtigen Moment benutzt, kann eine Gerte die Hinterhand zum Untertreten veranlassen oder der Sporen einen Seitengang unterstützen. Weder Gerte noch Peitsche sind dafür da ein Pferd zu bestrafen. Genauso wie ein Sporen nicht dafür da ist ein triebiges Pferd vorwärtszutreiben.

Nun haben wir in den letzten Tagen im Zusammenhang mit dem Skandal um Ludger Beerbaum auch von einem nach FN erlaubtem Touchieren gehört. Meine Definition von Touchieren war bisher das kurze Berühren des Pferdes mit einer Gerte um ihm eine bestimmte Lektionen vom Boden aus beizubringen. Ich muss zugeben, dass mir bis gestern Abend nicht bewusst war, dass die FN das Touchieren im Bereich der Springausbildung in ihren Richtlinien definiert.

Meine Definition von Touchieren

In den Richtlinien Band 2, wohlbemerkt das Werk für fortgeschrittene Reiter, wird sehr genau beschrieben wann und wie eine Touchierstange zum Einsatz kommt. Es heißt: „Die Touchierstange darf ein maximales Gewicht von 2000 g bei 3 m Länge haben. Die Beschaffenheit der Stange muss rund sein, mit glatter Oberfläche aus nicht splitterndem Material. […] Das Touchieren bestimmter Beinpartien während des Sprunges dient dazu, dass das Pferd die Karpal- und Tarsalgelenke im Sprung vermehrt beugt, also die Beine stärker anzieht, um einen Stangenkontakt zu vermeiden.“

Ich bin geschockt. So etwas ist laut FN erlaubt?

Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass in den Richtlinien Band 2 in der Dressurarbeit ebenfalls das Touchieren beschrieben wird. Hier allerdings so wie die meisten Reiter es wahrscheinlich kennen: mit einer Gerte im Bereich der Hinterhand.

Die Touchierstange wird in den Richtlinien als Hilfsmittel beschrieben. Ich persönlich käme nicht auf die Idee eine Touchierstange beim Springtraining einzusetzen. Die Wirkung einer Stange auf die Pferdebeine ist deutlich stärker als ein Touchieren mit einer Gerte. Mit einer Stange kann man nichts touchieren. Ganz abgesehen davon, dass die Touchierstange zum Einsatz kommt, während das Pferd einen Sprung überwindet. Ein Pferd, welches hoch genug springt und mit den Beinen nicht die Stangen berührt, wird dennoch bestraft? Indem es die Touchierstange an die Beine bekommt?

Ekelhaft.

Was ist Barren eigentlich?

Das Barren ist eine Trainingsmethode, die das Pferd ebenfalls zu höherem Springen über dem Hindernis veranlassen soll. Es wird das aktive und passive Barren unterschieden. Beim aktiven Barren stehen Helfer hinter dem Sprung und heben während das Pferd springt die oberste Stange an. Folglich bekommt das Pferd die Stange gegen die Beine. Beim passiven Barren befindet sich über der eigentlichen Stange eine weitere dünne Metallstange. Diese ist für das Pferd schwer zu sehen. Kommt das Pferd während des Sprunges mit den Beinen dagegen, verursacht dies zum Einen Schmerzen und zum anderen macht eine Metallstange ein lautes Geräusch, wenn sie herabfällt. Das wiederrum kann zu Angst beim Pferd führen.

Der Übergang zwischen Touchieren und Barren ist fließend. Laut FN ist Barren verboten, Touchieren aber erlaubt.

Spannend.

Wo besteht Handlungsbedarf?

In erster Linie muss die FN handeln und ihre Regelwerke überdenken, überarbeiten und anpassen. Das betrifft nicht nur das Touchieren beim Springen, sondern auch die etwas irrsinnige Regel der LDR-Methode (Low, Deep und Round). LDR ist tolerierbar und darf maximal 10 Minuten auf dem Abreiteplatz geritten werden.

In zweiter Instanz müssen Verstöße auch mal Folgen haben. Hier passiert einfach zu wenig. Insbesondere auf kleineren ländlichen Turnieren. Klar fällt das schwer, wenn Reiter und Richter sich kennen, weil sie sich jedes zweite Wochenende auf dem Turnier treffen. Wenn aber im Bereich der Klasse E bereits so ein Leistungsdenken herrscht, dass Reiter am Zügel zerren und die Sporen in den Pferdebauch drücken, dann läuft hier etwas falsch.

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Ich bin weiterhin der Ansicht, dass gerade bei den Amateuren so manches mal genauer hingeschaut werden sollte. Bei Ludger Beerbaum musste RTL anscheinend 2 Jahre lang recherchieren um ein paar Videosequenzen vom angeblichen Barren einzufangen. Keine Frage – ich bin absolut dagegen wie dort trainiert wurde. Mir persönlich ist es auch egal, ob es Barren oder Touchieren war. Beides ist nicht pferdegerecht. Ich befürchte aber, dass das Barren in vielen kleineren Ställen mit weniger bekannten , aber ambitionierten Reitern noch weitaus verbreiteter ist als wir glauben. Hinter geschlossenen Türen. Wenn es keiner sieht. Hier muss aufgeräumt werden und es muss entsprechende Konsequenzen geben.

Generell müssen Trainingsmethoden überdacht werden. Es muss Aufklärungsarbeit geleistet werden. Wir sollten uns immer fragen, warum wir etwas so machen oder benutzen. Wenn man im Internet unterwegs ist, dann bekommt man den Eindruck, dass alle Reiter wissen was gut und was nicht gut ist. Geht man in die Ställe, dann stellt sich schnell heraus wie groß die Unwissenheit ist. Was macht der Schlaufzügel? Und wieso ist der erst ab M erlaubt? Warum ist eine Longierbrille nicht zu empfehlen, obwohl ich sie doch überall kaufen kann? Und warum binde ich mein Pferd nicht am Knotenhalfter an?

Viele sind noch nicht genug

Eine traurige Tatsache: Der Reitsport ist wieder in aller Munde. Bis vor kurzem hat sich die Öffentlichkeit noch an den harmonischen Ritt von Jessica von Bredow-Werndl zur Olympia Doppel-Gold erinnert. Wer jetzt an Reiten und Pferde denkt, spricht über Ludger Beerbaum und den Barr-Skandal.

Viele Reiter sind wirklich bemüht und tragen ihr Pferd auf Händen. Reiten ist nicht einfach nur ein Hobby. Das Pferd ist oft der beste Freund. Die gemeinsame Zeit beim Pferd der Ausgleich zum Alltag. Viele von uns Reitern handeln pro Pferd. Sie halten ihre Pferde artgerecht und trainieren im Sinne des Pferdes.

Viele reicht aber nicht. Es müssen noch mehr werden. Erst dann wird die Pferdewelt Stück für Stück ein bisschen besser.


 

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