Im vergangenen Jahr, als alle anfingen über Corona zu berichten, hatte ich mir geschworen niemals auf meinem Reitsportmagazin über dieses Thema zu schreiben. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass damals unfassbar viele Menschen, man nennt sie Influencer, dazu aufriefen, zu Hause zu bleiben – alles wird gut. Auch ich glaubte damals, dass alles schnell gut wird. Jetzt, fast ein Jahr später, ruft kaum noch jemand dazu auf zu Hause zu bleiben – außer die Politiker. Von den meisten meiner Mitmenschen höre ich: es nervt und ich wünsche mir Normalität.

Weißt du noch im Frühjahr 2020?

Ja, ich kann mich noch sehr gut daran erinnern. Ein Lockdown. Im Nachgang wohl das Unwort des Jahres. Dieser Lockdown fand im Frühjahr statt. Das Wetter war halbwegs in Ordnung, so dass ich trotzdem Zeit draußen verbringen konnte. Zeit bei den Pferden. Sport und Training waren verboten, aber wir Reitsportler genossen das Privileg uns aus tierschutzrechtlichen Gründen um unsere Pferde kümmern zu dürfen. Ja, auch das Bewegen der Pferde zählte dazu.

Auf all die anderen Nebenwirkungen wie überforderte Eltern aufgrund von Homeschooling und Kitaschließungen, alte Menschen, die allein zu Hause sitzen und einfach einsam sind oder zahlreiche Unternehmer, die Existenzängste haben, möchte ich gar nicht weiter eingehen. Immerhin dachten wir damals noch ein einmaliger Lockdown über ein paar Wochen und dann haben wir die Lage im Griff.

Und dann kam der Winter…

Steigende Infektionszahlen, ein von der Bildfläche verschwundener R-Wert, Teillockdown, Lockdown, Verlängerung des Lockdowns, Verlängerung der Verlängerung und nochmal Verlängerung der Verlängerung. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Auf Fragen gibt es keine Antworten. Machst du den Mund auf, bist du Verschwörungstheoretiker. Bist du Friseur, muss ich dir sagen, man hast du ne geile Lobby. Hauptsache die Frisur sitzt im Zoom Meeting. Spaß beiseite, ich freue mich für alle Friseure, die wieder arbeiten dürfen! Denn seien wir mal ehrlich, denen geht es finanziell garantiert auch nicht gut.

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Die Nebenwirkungen

Was die Friseure aber meiner Meinung nach gemacht haben, sie haben den Mund aufgemacht. Das ist mutig. Denn auch wenn wir in einer Demokratie mit Meinungsfreiheit leben, so haben wir in der Vergangenheit oft genug gesehen, was mit Menschen passiert, die mit ihrer Meinung nicht ins Bild passen.

Zugegebenermaßen bewege auch ich mich mit so einem Beitrag aufs Glatteis. Immerhin lesen hier viele meiner Reitschüler, die Eltern von meinen Reitkindern und anderweitige Geschäftspartner mit. Wem meine Ansichten nicht gefallen, der wird wohl kaum noch sein Kind bei mir zum Reiten bringen. Eine Nebenwirkung.

Viele Eltern meiner Reitkinder erfahren nämlich gerade ganz andere Nebenwirkungen. Du glaubst nicht, wie oft ich in den letzten Wochen den Satz gehört habe: „Ach Frau Scheler, wann geht es denn endlich wieder mit dem Reiten los? Meine Tochter sitzt nur noch zu Hause, weiß nichts mit sich anzufangen und ist traurig, dass sie ihre Freunde nicht treffen darf.“ Für Eltern ist es völlig missverständlich, dass zwar geritten werden darf, aber Unterricht nicht erlaubt ist. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass alle Kinder ohne eigenes Pferd, also die meisten unserer Kinder, keinen Kontakt zu Pferden haben dürfen.

Reitunterricht ist das beste Beispiel für Maßnahmen, die irrsinnig sind

Beim Reitunterricht sind wir an der frischen Luft und da, aus Sicherheitsgründen zwischen zwei Pferden immer eine Pferdelänge Abstand gehalten werden soll, halten wir automatisch den Mindestabstand ein. An Engstellen, wie beispielsweise in der Sattelkammer, kann jeder Betrieb eine Maskenpflicht einführen.

Was richtig und was falsch ist, variiert von Bundesland zu Bundesland. Ganz allgemein ist Reiten ein Individualsport und darf ausgeübt werden. Einige Bundesländer erlauben Einzelunterricht. Gruppenunterricht hingegen ist in den meisten Bundesländern verboten, was für viele Reitschulen bedeutet, dass sie seit Anfang November geschlossen haben. Ob das für die Reitschule ein finanzielles Problem ist oder ob die staatlichen Hilfen ausreichen, müsste man sich wahrscheinlich im Einzelfall angucken.

Ich bekomme keinerlei staatliche Unterstützung. Selbst wenn ich finanzielle Unterstützung bekommen würde, würde das aber trotzdem nichts an der Tatsache ändern, dass ich Reitunterricht geben möchte. Zum einen, weil ich meinen Job einfach gern mache und zum anderen, weil ich so wenigstens einigen Kindern einen kleinen Lichtblick in dieser Zeit geben kann. Ich kann nicht wochenlang zu Hause sitzen und mich anderweitig beschäftigen. Ich möchte etwas tun. Ich möchte arbeiten.

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Pferde sind Herdentiere

Wenn du dein Pferd ohne jeglichen Kontakt zu anderen Pferden hälst, dann wird dein Pferd sehr schnell sehr traurig werden. Pferde sind Herdentiere und brauchen den Kontakt zu Artgenossen. Die meisten Reiter wissen das. Solltest du dennoch auf die Idee kommen dein Pferd allein zu halten, dann wirst du unter Umständen Ärger mit dem Veterinäramt bekommen.

Wir Menschen sind auch Herdentiere. Trotzdem gibt es andere Menschen, die von uns seit fast einem Jahr verlangen, dass wir zu Hause bleiben und keine persönlichen Kontakte haben. Wir vereinsamen! Oder noch schlimmer: Wir werden depressiv! Für uns Menschen gibt es leider kein Humanamt, welches sich diesem Problem annimmt.

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Die Lage ist ernst

Die Lage ist ernst und wir müssen noch etwas durchhalten, hören wir nahezu täglich aus den Medien. Ich möchte auch nicht, dass Menschen erkranken oder sterben – keine Frage! Aber ich möchte auch, dass die Sinnhaftigkeit und die Nebenwirkungen der Maßnahmen untersucht werden. Ist es wirklich notwendig Reitunterricht zu verbieten? Und damit so vielen Kindern ein Stück Normalität zu nehmen und die Existenzen zahlreicher Betriebe zu gefährden?

Vielleicht denkst du jetzt, ich bin verrückt geworden. Da sterben Menschen und ich rede von Reitunterricht. Ja, das tue ich! Denn auch ich habe zwei Kinder zu Hause und muss meine laufenden Kosten decken. Ich bin kein Einzelfall. So wie mir geht es vielen selbstständigen Trainern oder Reitschulen. Wenn wir weiterhin alles nur hinnehmen und unseren Mund nicht aufmachen, dann werden wir Weihnachten 2021 noch im Lockdown feiern und unter dem Weihnachtsbaum liegt dann nicht nur ein wirtschaftliches Desaster.


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Ja, das will ich machen!